In der Begleitung von Coworking Spaces begegnet uns eine Situation immer wieder: Das Konzept funktioniert, die Community ist stabil – und trotzdem stockt die Weiterentwicklung. Häufig liegt das Problem dann nicht im Angebot, sondern im Standort.
Die entscheidende Frage lautet: Woran erkennen Betreiber*innen, dass ihr Space nicht mehr wachsen kann – und welche Optionen gibt es dann?
Ein zweiter Standort oder mehr Fläche am selben Ort sind naheliegend. Gerade in Klein- und Mittelstädten sowie im ländlichen Raum gibt es jedoch eine weitere, oft unterschätzte Möglichkeit: den bewussten Standortwechsel.
Beim gemeinsamen Netzwerktreffen von CoWorkLand und der German Coworking Federation (GCF) im Januar haben wir uns genau damit beschäftigt – am Beispiel von Florian Kunz, CoWorkLand-Mitglied und Gründer des Coworking Spaces Die Waldstatt.
Ein funktionierender Space mit begrenztem Umfeld
Die Waldstatt startete im Oktober 2020 in Großwudicke, einem kleinen Dorf im westlichen Havelland. Dort entwickelte sich der Space schnell zu einem lebendigen Ort für Austausch, Zusammenarbeit und Gemeinschaft. Die Nachfrage war da, die Community engagiert, das Konzept tragfähig.
Gleichzeitig wurde mit der Zeit deutlich: Das Umfeld setzte dem Wachstum klare Grenzen.
In Großwudicke gab es weder zusätzliche geeignete Flächen noch ausreichend neue Nutzer*innen, Unternehmenskunden oder Reichweite, um das Geschäftsmodell substanziell weiterzuentwickeln.
Learning 1: Nicht jeder erfolgreiche Coworking Space kann am selben Ort weiter wachsen – besonders nicht in sehr kleinen Gemeinden.
Die Entscheidung: Wachstum braucht einen anderen Ort
Nach rund fünf Jahren stand für Florian fest, dass es einen grundlegenden Schritt braucht. Die Wahl fiel auf Rathenow, die nächstgrößere Stadt der Region. Damit war klar: Wachstum sollte nicht durch Verdichtung am alten Standort entstehen, sondern durch einen Wechsel in ein größeres, anschlussfähigeres Umfeld.
Diese Entscheidung war nicht rein räumlich, sondern strategisch: Rathenow bot neue Zielgruppen, mehr Sichtbarkeit, bessere Anknüpfungspunkte für Kooperationen – und damit ein erweitertes Wirkungsfeld für Coworking.
Learning 2: Standortwechsel sind kein Scheitern, sondern können ein konsequenter nächster Entwicklungsschritt sein.
Community first – auch beim Umzug
Ein zentrales Thema im Austausch war ein Prinzip, das wir bei CoWorkLand immer wieder beobachten: Erst die Community, dann der Space.
Auch beim neuen Standort in Rathenow wurde dieses Prinzip konsequent angewendet. Noch bevor der Mietvertrag für das neue Projekt – das Havelwerk – unterschrieben war, begann der Community-Aufbau. Bestehende Mitglieder aus Großwudicke trafen auf neue Interessierte aus Rathenow. So entstand frühzeitig eine belastbare Nachfrage, noch bevor der Raum existierte.
Das Ergebnis: Das Havelwerk eröffnete Anfang Dezember nahezu voll ausgelastet, alle Teamräume waren von Beginn an vergeben.
Learning 3: Ein Standortwechsel funktioniert nur dann nachhaltig, wenn er gemeinschaftlich vorbereitet wird – nicht erst mit der Schlüsselübergabe.
Sichtbarkeit schaffen, Vertrauen aufbauen
Im Anschluss an das Gespräch gab Florian den Teilnehmenden im Livestream einen Rundgang durch die neuen Räume. Besonders wertvoll war dabei weniger die Ausstattung als der offene Blick hinter die Kulissen: Entscheidungsprozesse, Risiken, Übergangsphasen und Learnings.
Solche Einblicke sind selten, aber essenziell – denn Wachstum wird im Coworking-Kontext oft idealisiert, während die komplexen Schritte dazwischen kaum thematisiert werden.
Learning 4: Wachstum bedeutet nicht nur Expansion, sondern vor allem Kommunikation, Transparenz und Vertrauen.
Fazit: Wachstum ist eine Frage der Anschlussfähigkeit
Das Netzwerktreffen hat eindrücklich gezeigt: Für Coworking Spaces außerhalb der Metropolen ist Wachstum selten eine reine Flächenfrage. Entscheidend ist, ob ein Standort langfristig genügend Anschlussfähigkeit bietet – für Menschen, für Kooperationen und für neue Nutzungsformen.
Manchmal bedeutet Wachstum deshalb nicht, größer zu werden. Sondern den Ort zu wechseln, an dem Wachstum überhaupt möglich ist.
