Wie lässt sich ein Coworking-Space im ländlichen Raum als Verein organisieren? Darüber habe ich beim gemeinsamen Netzwerktreffen der CoWorkLand eG und der German Coworking Federation (GCF) mit drei Vorstandsmitgliedern von Coworking Eichsfeld e. V. gesprochen. Ihre Erfahrungen zeigen, wie gemeinschaftliches Engagement einen Coworking-Space trägt – und welche Strukturen dafür im Alltag notwendig sind.
Unsere Netzwerktreffen organisieren und moderieren wir im Wechsel mit der GCF. Diesmal war ich für CoWorkLand an der Reihe. Zu Gast waren Sandra Simon, Miriam Löffler und Hans Georg Greller vom Vorstand von Coworking Eichsfeld e. V., der zwei Coworking-Spaces in Heiligenstadt und Leinefelde betreibt.
Mich interessierte besonders, wie sie Verantwortung verteilen und den Betrieb langfristig sichern. Wer sich im ländlichen Raum engagiert, kennt die Herausforderung: Gute Ideen gibt es viele. Die Zeit der Menschen, die sie umsetzen können, ist allerdings begrenzt.
Eine Idee findet ihre Mitstreiter*innen
Die Geschichte von Coworking Eichsfeld begann während der Coronazeit. Sandra und ihr Mann arbeiteten zu Hause, verteilt auf Küchentisch und Arbeitszimmer. Daraus entstand der Wunsch nach einem gemeinsamen Arbeitsort.
Bei der Suche nach Informationen und Fördermöglichkeiten kamen sie mit CoWorkLand in Kontakt. Über unsere Beratung entstand die Verbindung zu einem anderen Paar aus dem Ort, das eine ähnliche Idee verfolgte. Die Voraussetzungen ergänzten sich: Die einen hatten Räume, die anderen suchten welche und konnten sich vorstellen, einen Coworking-Space zu betreiben.
Coworking Eichsfeld e. V. ist kein Mitglied unserer Genossenschaft. Dass unsere Beratung in der Anfangsphase einen Beitrag leisten konnte, freut mich. Manchmal beginnt ein Projekt damit, dass Menschen erfahren, wer in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft an derselben Frage arbeitet.
Die Gruppe entschied sich für einen Verein, weil sie den Space gemeinschaftlich gestalten wollte. Unterschiedliche Ideen sollten einfließen und weitere Menschen Verantwortung übernehmen können. In einer ehemaligen Druckhalle in Heiligenstadt entstand der erste Standort. Etwa ein Jahr später kam Leinefelde hinzu.
Coworking muss vor Ort verständlich werden
Eine der ersten Herausforderungen bestand darin, das Angebot bekannt zu machen. Viele Menschen im Umfeld konnten damals mit Coworking wenig anfangen.
Das begegnet uns bei CoWorkLand immer wieder. Gerade dort, wo Menschen zu Hause Platz für ein Arbeitszimmer haben, erklärt sich der Nutzen eines Coworking-Spaces nicht allein über einen verfügbaren Schreibtisch. Austausch, neue Kontakte und die Trennung von Arbeit und Privatleben müssen erst einmal erfahrbar werden.
Im Eichsfeld begann die Gruppe deshalb früh, Interessierte zusammenzubringen. Eine kurze Umfrage sollte Aufschluss über den Bedarf geben. Dazu kamen gemeinsame Arbeitstage an wechselnden Orten, sogenannte Coworking Jellies. Mit mobilem WLAN ließ sich Coworking ausprobieren, bevor der spätere Space fertig war.
Die Community entstand bereits vor der Eröffnung. Menschen lernten sich kennen und fanden heraus, ob gemeinsames Arbeiten zu ihnen passt. Später halfen Vereinsmitglieder auch beim Umbau der Druckhalle. Ohne diesen Einsatz, betonte Sandra, wäre das Vorhaben in dieser Form nicht möglich gewesen.
Nähe entscheidet mit
Im Gespräch wurde deutlich, wie wichtig die Erreichbarkeit ist. Wer im Homeoffice arbeiten kann, überlegt sich gut, ob sich eine zusätzliche Fahrt lohnt. Schon 20 Kilometer können eine Hürde sein.
Die regelmäßigen Nutzer*innen kommen nach den Erfahrungen des Vorstands deshalb überwiegend aus Heiligenstadt beziehungsweise Leinefelde selbst. Darunter sind Selbstständige und Angestellte, deren Arbeitgeber anderswo sitzen.
Für Coworking im ländlichen Raum finde ich diesen Punkt wichtig. Ein großes Gebiet auf der Landkarte ist noch kein tatsächliches Einzugsgebiet. Entscheidend ist, welche Wege Menschen im Alltag auf sich nehmen und welchen Nutzen sie mit dem Besuch verbinden.
Dazu gehören Begegnungen mit Menschen, denen man im eigenen beruflichen Umfeld kaum begegnen würde. Hans Georg erzählte beispielsweise vom Austausch mit einem Wasserbauingenieur. Solche Kontakte können ein guter Grund sein, das eigene Arbeitszimmer regelmäßig zu verlassen.
Wer den Space trägt, muss ihn nicht täglich nutzen
Überrascht hat mich, wie gering die Überschneidung zwischen Vereinsmitgliedern und regelmäßigen Coworkern ist. Viele Mitglieder arbeiten selbst kaum im Space. Umgekehrt sind viele Menschen, die dort einen Arbeitsplatz nutzen, nicht im Verein.
Miriam beschrieb diese Konstellation als gut vereinbar. Menschen können sich für einen Coworking-Space engagieren, weil sie ein solches Angebot für ihre Stadt wichtig finden. Andere buchen einen Arbeitsplatz, ohne sich gleich an der Organisation beteiligen zu wollen.
Verbindungen entstehen etwa beim gemeinsamen Frühstück oder bei offenen Treffen nach Feierabend. Gleichzeitig akzeptiert das Team unterschiedliche Bedürfnisse. Wer tagsüber im Space gearbeitet hat, möchte abends vielleicht bei der Familie sein.
Aus meiner eigenen Erfahrung im Betrieb von Coworking Spaces kenne ich das gut. Gemeinschaft braucht Gelegenheiten, die zum Alltag passen. Ein gemeinsames Frühstück kann dafür mehr bewirken als eine zusätzliche Abendveranstaltung.
Ehrenamt braucht eine realistische Aufgabenverteilung
Ich habe bewusst nach der Belastung durch das Ehrenamt gefragt. Aus meiner Zeit in der Altmark weiß ich, wie schnell engagierte Menschen in mehreren Vereinen gleichzeitig Verantwortung übernehmen. Häufig sind es dieselben Personen, die Veranstaltungen organisieren, Anträge schreiben oder Räume betreuen.
Auch im Eichsfeld verteilt sich die intensive Mitarbeit auf einen kleinen Teil der Mitglieder. Um damit umzugehen, hat der Verein seine Zusammenarbeit früh überprüft. Bei einem Strategietag entstanden thematische Arbeitsgruppen, die ihre Aufgaben selbst organisieren. So werden beispielsweise die Aktivitäten zur digitalen Bildung von einer eigenen Gruppe getragen.
Zudem gab es bereits einen Wechsel im Vorstand, weil sich durch Familiengründung und berufliche Vorhaben die verfügbaren Kapazitäten verändert hatten. Andere Mitglieder übernahmen Verantwortung.
Engagement muss sich verändern dürfen. Wer Aufgaben übernimmt, sollte sie später auch wieder abgeben können. Dazu gehört, bestimmte Arbeiten zu bezahlen: Der Verein nutzt Dienstleister beispielsweise für die Reinigung und Teile der Kommunikation. Das entlastet die Ehrenamtlichen und schafft Verlässlichkeit.
Was die schwarze Null trägt
Nach Angaben des Vorstands trägt sich der Betrieb wirtschaftlich und bewegt sich über die Jahre ungefähr um eine schwarze Null. Dafür sorgen regelmäßige Einnahmen, sparsames Wirtschaften und viel Eigenleistung.
Rund 15 fortlaufende Nutzungsabos bildeten zum Zeitpunkt des Gesprächs eine wichtige Grundlage. Unterschiedliche Tarife ermöglichen einige Arbeitstage im Monat, regelmäßige Nutzung oder einen eigenen festen Schreibtisch. Hinzu kommt die Vermietung von Besprechungsräumen an Unternehmen, Gruppen und Initiativen.
Für Standorte mit einer begrenzten Zahl spontaner Tagesgäste sind solche wiederkehrenden Einnahmen wichtig. Die Angebote orientieren sich daran, was vor Ort tatsächlich gebraucht wird.
Zur Einordnung gehört allerdings die ehrenamtliche Arbeit. Mehrere Menschen könnten aus dem beschriebenen Modell nach Einschätzung des Vorstands derzeit keinen Lebensunterhalt bestreiten. Wer daraus etwas für das eigene Vorhaben ableiten möchte, muss deshalb betrachten, welche Leistungen unbezahlt erbracht werden.
Fördermittel und lokale Unterstützung haben einzelne Entwicklungen ermöglicht. Hans Georg berichtete zugleich vom erheblichen Aufwand geförderter Projekte. Gerade für ein kleines ehrenamtliches Team können Durchführung und Nachweise sehr anspruchsvoll sein. Der Verein möchte den laufenden Betrieb deshalb möglichst unabhängig von weiteren Förderzusagen gestalten.
Welche Erkenntnisse für MehrWertOrte relevant sind
Coworking Eichsfeld betreibt zwei klassische Coworking-Spaces. Auch die ergänzenden Vereinsaktivitäten machen sie noch nicht zu MehrWertOrten. Aus dem Gespräch lassen sich dennoch Erfahrungen mitnehmen, die für die Entwicklung solcher Orte hilfreich sind.
Ein wichtiger Punkt ist die Unterscheidung zwischen den Menschen, die einen Ort nutzen, und denen, die ihn mittragen. Im Eichsfeld funktionieren diese unterschiedlichen Beziehungen nebeneinander. Für MehrWertOrte ergibt sich daraus eine hilfreiche Frage: Wer braucht welches Angebot – und wer möchte sich darüber hinaus für den gesamten Ort engagieren? Beides muss nicht bei denselben Menschen zusammenfallen.
Ebenso relevant ist die Organisation der Verantwortung. Wenn mehrere Angebote an einem Ort zusammenkommen, müssen Zuständigkeiten, verfügbare Zeit und laufende Aufgaben zueinander passen. Die selbstorganisierten Arbeitsgruppen und die gezielte Entlastung durch Dienstleister liefern dafür konkrete Anregungen.
Auch der frühe Aufbau von Beziehungen lässt sich übertragen. Eine Bedarfsumfrage und erste gemeinsame Aktivitäten helfen, Menschen und ihre Erwartungen kennenzulernen, bevor größere Investitionen anstehen. Dabei kann sich zeigen, welche Angebote wirklich gebraucht werden und wer bereit ist, an ihrer Umsetzung mitzuwirken.
Schließlich lohnt sich der genaue Blick auf die wirtschaftliche Grundlage. Für MehrWertOrte stellt sich ebenfalls die Frage, welche Einnahmen regelmäßig entstehen, welche Tätigkeiten ehrenamtlich geleistet werden können und wo bezahlte Arbeit notwendig ist. Die Erfahrungen aus dem Eichsfeld geben darauf keine allgemeingültige Antwort. Sie zeigen aber, wie wichtig es ist, diese Fragen offen zu besprechen.
Die eigene Rolle vor Ort sichtbar machen
In der Fragerunde ging es auch um die Beziehungen zu Stadt und Region. Sandra beschrieb die kommunale Resonanz zunächst als zurückhaltend. Inzwischen werde der Verein stärker als Partner bei Veranstaltungen wahrgenommen, unter anderem durch seine Beteiligung an der Nacht der Kultur in Heiligenstadt.
Solche Aktivitäten geben Menschen Gelegenheit, den Space kennenzulernen. Sie können dazu beitragen, dass ein zunächst unbekanntes Arbeitsmodell vor Ort verständlicher wird.
Miriam betonte deshalb, dass Kommunikation und Community-Aufbau dauerhaft Aufmerksamkeit brauchen. Auch nach mehreren Jahren müssen Menschen vom Angebot erfahren und einen eigenen Zugang dazu finden. Für Betreiber*innen im ländlichen Raum bleibt das eine wesentliche Aufgabe.
Gemeinsam Verantwortung weiterentwickeln
Was ich aus dem Gespräch mitnehme, ist vor allem der realistische Blick der drei Vorstandsmitglieder. Sie haben zwei Coworking-Spaces aufgebaut und eine Organisationsform gefunden, die zu ihren Vorstellungen passt. Gleichzeitig überprüfen sie, wie viel Arbeit sie leisten können, welche Einnahmen notwendig sind und wo sie Unterstützung brauchen.
Für andere Initiativen im ländlichen Raum ist das eine hilfreiche Erfahrung. Ein Verein kann Menschen zusammenbringen, die Coworking vor Ort gemeinsam ermöglichen möchten. Damit das dauerhaft gelingt, müssen Verantwortung, Einnahmen und verfügbare Zeit zusammenpassen.
Genau für diesen Austausch gibt es unsere gemeinsamen Netzwerktreffen mit der GCF. Im Gespräch werden neben den Ergebnissen auch die Entscheidungen und Lernprozesse dahinter sichtbar. Vielen Dank an Sandra, Miriam und Hans Georg, dass sie ihre Erfahrungen so offen mit uns geteilt haben.
