Tourismus endet nicht mehr dort, wo Urlaub beginnt. Immer mehr Menschen verbinden Reisen, Erholung, Familie, Natur und Arbeit miteinander. Genau deshalb wird Coworking für den Tourismus in Sachsen-Anhalt zu einem strategisch wichtigen Thema: nicht als Modewort, sondern als konkrete Antwort auf veränderte Arbeits- und Lebensrealitäten.
Als Landeskoordinator für Sachsen-Anhalt nahm ich in der vergangenen Woche am Parlamentarischen Abend des Landestourismusverbands Sachsen-Anhalt teil. Hoch oben über den Dächern der Landeshauptstadt Magdeburg kamen Vertreter*innen aus Politik, Tourismuswirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen, um über die Zukunft des Tourismus in unserem Bundesland zu sprechen.
Für mich war der Abend vor allem deshalb wertvoll, weil er einmal mehr deutlich machte: Tourismusentwicklung ist längst mehr als klassisches Destinationsmarketing. Es geht um Aufenthaltsqualität, regionale Wertschöpfung, nachhaltige Mobilität, attraktive Orte und die Frage, wie Regionen auch außerhalb der bekannten touristischen Zentren sichtbar und zukunftsfähig werden.
Coworking als Teil moderner Tourismusentwicklung
Ich erlebe in meiner Arbeit immer wieder, dass Coworking im Tourismus noch zu eng gedacht wird. Viele verbinden damit vor allem „Workation“: Menschen arbeiten einige Tage oder Wochen von einem schönen Ort aus, verlängern ihren Aufenthalt oder verbinden berufliche Termine mit privater Reisezeit. Das ist ein wichtiger Teil des Themas, aber längst nicht der einzige.
Coworking kann touristische Regionen auf mehreren Ebenen stärken. Es schafft Infrastruktur für Gäste, die auch während eines Aufenthalts erreichbar und arbeitsfähig bleiben müssen. Es bietet Einheimischen, Selbstständigen und Pendler*innen professionelle Arbeitsorte in der Nähe. Es kann Gastgeber*innen, Kommunen und regionale Unternehmen miteinander vernetzen. Und es eröffnet gerade ländlichen Regionen die Chance, neue Zielgruppen anzusprechen, ohne ihre eigene Identität aufzugeben.
Für Sachsen-Anhalt ist das besonders relevant. Unser Bundesland hat starke Natur- und Kulturräume, historische Städte, Flusslandschaften, Welterbestätten und ländliche Regionen mit hoher Lebensqualität. Gleichzeitig stehen viele Orte vor Herausforderungen: Fachkräftemangel, Leerstand, Abwanderung, schwache ÖPNV-Anbindungen und saisonale Schwankungen im Tourismus. Coworking löst diese Probleme nicht allein, kann aber ein wichtiger Baustein sein, um Regionen resilienter und attraktiver zu machen.
Neue Gäste, längere Aufenthalte, stärkere Regionen
Der touristische Nutzen von Coworking liegt für mich nicht nur darin, zusätzliche Arbeitsplätze bereitzustellen. Entscheidend ist die Frage, welche Aufenthalte dadurch möglich werden.
Wer unterwegs arbeiten kann, bleibt unter Umständen länger. Aus einem Wochenende kann eine Woche werden. Aus einem Kurztrip ein längerer Aufenthalt mit Familie. Aus einem touristischen Besuch kann ein erster Kontakt zu einer Region entstehen, die später vielleicht auch als Wohn- oder Arbeitsort interessant wird.
Gerade für ländliche Räume ist das eine große Chance. Denn Coworking spricht Menschen an, die nicht nur konsumieren, sondern oft auch nach Anschluss, Austausch und lokaler Einbindung suchen. Sie wollen einen Ort nicht nur sehen, sondern zeitweise Teil davon werden. Genau hier können Coworking Spaces eine Brücke schlagen: zwischen Gästen und Einheimischen, zwischen Tourismus und Wirtschaftsförderung, zwischen Freizeit und Arbeitswelt.
Unsere Haltung als CoWorkLand dazu ist klar: Coworking im Tourismus ist kein Zusatzangebot für eine kleine digitale Elite. Es ist Teil einer zeitgemäßen Infrastruktur für Regionen, die Menschen willkommen heißen, Aufenthalte verlängern und Wertschöpfung vor Ort halten wollen.
Tourismus braucht Orte der Begegnung
Ein starkes Learning des Abends war für mich: Tourismus lebt nicht allein von Sehenswürdigkeiten, sondern von Beziehungen. Menschen erinnern sich an Landschaften, Städte und Ausflugsziele, aber oft noch stärker an Begegnungen, Atmosphäre und das Gefühl, an einem Ort willkommen zu sein.
Coworking Spaces können genau solche Orte sein. Sie sind keine anonymen Büroflächen, sondern im besten Fall offene, kuratierte und lokal verankerte Treffpunkte. Dort treffen Gäste auf Menschen aus der Region, Selbstständige auf Vereine, Gastgeber*innen auf Kreative, Kommunen auf Projektmacher*innen. Daraus entstehen Gespräche, Kooperationen und manchmal auch neue Ideen für die Entwicklung eines Ortes.
Für den Tourismus ist das besonders spannend, weil viele Regionen nach Angeboten suchen, die über klassische Saisonlogiken hinausgehen. Coworking kann ganzjährig funktionieren. Es kann Nebensaisons stärken, bestehende touristische Infrastruktur ergänzen und Orte beleben, die sonst nur zu bestimmten Zeiten stark frequentiert sind.
Was jetzt wichtig wird
Damit Coworking im Tourismus seine Wirkung entfalten kann, braucht es mehr als einzelne engagierte Betreiber*innen. Es braucht eine strategische Einbettung in Tourismuskonzepte, Wirtschaftsförderung, Regionalentwicklung und kommunale Planung.
Gastgeber*innen müssen verstehen, welchen Mehrwert ein guter Arbeitsort für ihre Zielgruppen haben kann. Kommunen müssen erkennen, dass Coworking nicht nur ein Thema für Großstädte ist. Tourismusorganisationen sollten neue Arbeitsorte als Teil der Aufenthaltsqualität mitdenken. Und Unternehmen müssen ihren Beschäftigten zutrauen, auch außerhalb des klassischen Büros produktiv zu arbeiten.
Gerade Sachsen-Anhalt kann hier viel gewinnen. Das Land ist nicht überlaufen, hat Raum, starke Landschaften, bezahlbare Orte und viele Regionen, die vom Wandel der Arbeitswelt profitieren könnten. Coworking kann dabei helfen, diese Qualitäten sichtbarer und nutzbarer zu machen.
Fazit: Tourismus und Arbeit wachsen neu zusammen
Der Parlamentarische Abend des Landestourismusverbands Sachsen-Anhalt hat mir gezeigt, wie wichtig der Austausch zwischen Politik, Tourismuswirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft ist. Die Zukunft des Tourismus entscheidet sich nicht allein an Übernachtungszahlen, sondern an der Frage, wie gut Regionen auf neue Bedürfnisse reagieren.
Coworking ist dabei kein Randthema. Es verbindet Arbeiten und Reisen, Stadt und Land, Gäste und Einheimische, Infrastruktur und Aufenthaltsqualität. Für Sachsen-Anhalt liegt darin eine große Chance: Regionen können nicht nur besucht, sondern zeitweise erlebt, bewohnt und als Arbeitsorte entdeckt werden.
Genau deshalb gehört Coworking in die touristische Zukunftsdebatte. Nicht als Selbstzweck, sondern als Werkzeug für lebendige Orte, längere Aufenthalte und eine regionale Entwicklung, von der Gäste und Menschen vor Ort gleichermaßen profitieren.
