Wie kann aus einer herausfordernden Bestandsimmobilie wieder ein lebendiger Ort für Stadtgesellschaft, Kultur, Wirtschaft und Gemeinwohl entstehen? Diese Frage stand am 26. Juni 2026 im Mittelpunkt einer fachlichen Veranstaltung im historischen „Club am Anger“ in Eisenhüttenstadt. Für unsere Genossenschaft nahmen Ulrich Bähr und Tobias Kremkau an dem Austausch teil.
Bereits im vergangenen Jahr hatten wir uns gemeinsam mit Laura Kienbaum in einer Konzeptstudie mit der möglichen Zukunft dieses besonderen Gebäudes beschäftigt. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie der Club nicht nur baulich gesichert, sondern als Begegnungsort und MehrWertOrt neu entwickelt werden kann. Seitdem beschäftigt uns eine grundsätzliche Frage: Wie lässt sich das bauliche Erbe der Post-Ost-Moderne aktivieren, ohne es allein als Sanierungsfall zu betrachten? Und wie können Immobilien, die auf den ersten Blick schwer entwickelbar erscheinen, wieder zu Orten mit gesellschaftlicher Bedeutung werden?
Vom Sanierungsfall zum Entwicklungsprozess
Genau darum ging es beim Austausch vor Ort. Am Beispiel des „Club am Anger“ diskutierten wir mit Expert:innen aus Stadtentwicklung, Immobilienpraxis und gemeinwohlorientierter Ortsentwicklung einen notwendigen Perspektivwechsel: weg von der Vorstellung, dass ein Gebäude erst dann genutzt werden kann, wenn Finanzierung, Sanierung und Nutzungskonzept vollständig geklärt sind – denn dieses Denken führt zu Stillstand und Verfall, wenn die Gewinnaussichten im Sinne einer kommerziellen Projektentwicklung nicht stimmen.
Unser gemeinsamer Ansitz – die „Gemeindewohl-Orientierung“ – geht dagegen hin zu einem schrittweisen Entwicklungsprozess, in dem Nutzung und Aktivierung, Bedarfe und Wirkung den Anfang machen und Investitionen schrittweise folgen, um erprobte und erfolgreiche Nutzungen zu verstetigen.
Den Auftakt machte Stanley Fuls von der Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft eG. Er ordnete das Projekt in den strategischen Kontext der Stadt ein und machte deutlich, weshalb der „Club am Anger“ weit mehr ist als eine einzelne Immobilie. Er ist Erinnerungsort, Möglichkeitsraum und potenzielles Reallabor zugleich. Die Frage nach seiner Zukunft berührt damit nicht nur Immobilienentwicklung, sondern auch Stadtidentität, Gemeinwohlorientierung und den Umgang mit dem baulichen Erbe einer besonderen Stadtgeschichte.
MehrWertOrte: Räume mit Wirkung über die eigene Adresse hinaus
Anschließend stellten Laura Kienbaum von loop_creating places und Ulrich Bähr von CoWorkLand zentrale Thesen zur Aktivierung von Bestandsimmobilien vor. Ein Schwerpunkt lag auf dem Konzept der MehrWertOrte. Gemeint sind Räume, die nicht nur vermietet oder gelegentlich bespielt werden, sondern einen erkennbaren Mehrwert für ihr Umfeld schaffen: Sie ermöglichen Begegnung, stiften Identität, bündeln unterschiedliche Nutzungen und können so weit über ihre eigene Adresse hinaus in die Stadtgesellschaft hineinwirken.
Besonders wichtig war dabei das Prinzip der Hausgeberschaft. Es beschreibt eine Rolle, die über klassische Eigentums-, Betriebs- oder Vermietungslogiken hinausgeht. Ein:e Hausgeber:in versteht ein Gebäude nicht nur als Fläche, sondern als sozialen Ort. Er:sie lädt ein, kuratiert Nutzungen, schafft Zugänge, moderiert unterschiedliche Interessen und sorgt dafür, dass aus Räumen Beziehungen entstehen können. Gerade für Dritte Orte ist diese Rolle entscheidend. Lebendige Orte entstehen nicht allein durch Architektur, Sanierung oder Quadratmeter, sondern durch Menschen, Verantwortung und eine verlässliche Einladung an die Stadtgesellschaft.
Ein Kernpunkt der Hausgeberschaft ist, wie Stanley Fuls es formulierte, das „Loslassen“ – der Inhabende des Gebäudes übergibt es in die Verantwortung einer lokalen Initiative, die es zum besten Nutzen des Quartiers bespielt und entwickelt, aber auch für die finanzielle Tragfähigkeit verantwortlich ist. Dazu braucht es viel Vertrauen seitens des Hausgebenden – die Aufstellung einer solchen Beziehung ist daher ein Prozess, der gestaltet sein will.

Temporäre Aktivierung als strategischer Hebel
Ein zweiter Schwerpunkt lag auf temporärer Aktivierung als möglichem Hebel für langfristige Investitionen. Statt auf den einen großen Entwicklungsschritt zu warten, kann eine gut kuratierte Zwischennutzung sichtbar machen, welches Potenzial in einem Gebäude steckt. Sie kann Nutzungsideen erproben, Interesse aus der Stadtgesellschaft sichtbar machen, Öffentlichkeit schaffen und Risiken für spätere Investitionen senken. Das Provisorium ist in diesem Verständnis keine Notlösung, sondern ein strategisches Instrument: Es macht möglich, was in klassischen Planungsprozessen oft zu lange unsichtbar bleibt.
Der „Club am Anger“ eignet sich für diese Debatte in besonderer Weise. Er steht exemplarisch für viele Gebäude, die weder einfach aufgegeben noch mit rein klassischen Immobilienlogiken angemessen entwickelt werden können. Solche Orte brauchen einen anderen Blick: einen Blick, der Bestand nicht nur als Problem, sondern als Ressource versteht; der Nutzung nicht erst am Ende eines Entwicklungsprozesses denkt; und der Stadtentwicklung als lernenden, gemeinsamen Prozess begreift.
Im anschließenden fachlichen Austausch wurde deutlich, wie wertvoll die Diskussion am konkreten Objekt ist. Wer über Dritte Orte, Hausgeberschaft und temporäre Aktivierung spricht, spricht nicht abstrakt über Konzepte, sondern über Eingänge, Räume, Nachbarschaften, Erinnerungen, mögliche Nutzer:innen und künftige Verantwortung. Gerade diese Verbindung aus fachlicher Perspektive und räumlicher Erfahrung machte den Nachmittag im „Club am Anger“ besonders produktiv.
Fazit: Aktivieren statt nur verwalten
Unser Fazit: Die Zukunft herausfordernder Bestandsimmobilien entscheidet sich nicht allein an der Frage, ob ein Gebäude saniert werden kann. Sie entscheidet sich auch daran, ob es gelingt, frühzeitig Bedeutung, Nutzung und Verantwortung zu organisieren. Der „Club am Anger“ zeigt, welches Potenzial in solchen Orten steckt, wenn man sie nicht nur verwaltet, sondern aktiviert.
Wir bedanken uns herzlich bei allen Beteiligten für den offenen Austausch, bei der Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft eG für die Einladung und den strategischen Mut sowie bei allen Gästen, die ihre Perspektiven in die Diskussion eingebracht haben. Der Nachmittag hat gezeigt: Aus vermeintlich schwierigen Immobilien können wieder wirksame Orte entstehen – wenn man sie als Reallabore ernst nimmt, Menschen einlädt und Entwicklung als gemeinsamen Prozess versteht.
