Wohnortnah arbeiten, Menschen treffen, gemeinsam Ideen umsetzen: Aus Coworking-Spaces können Orte werden, die unterschiedliche Bedürfnisse ihrer Umgebung verbinden.
Damit solche MehrWertOrte dauerhaft bestehen, müssen Angebote, Zusammenarbeit und Finanzierung zusammenpassen.
In unserem Newsletter „Bigger Picture“ beschreibt Tobias Kremkau, welche Erfahrungen und Beobachtungen ihn zu diesem Verständnis geführt haben. Daraus lassen sich sieben Erkenntnisse für die Entwicklung lebendiger Orte auf dem Land ableiten.
1. Coworking auf dem Land braucht eigene Voraussetzungen
Das Versprechen klingt einleuchtend: Wer am Computer arbeitet, könnte sich lange Pendelwege sparen und einen Arbeitsplatz in Wohnortnähe nutzen. Doch die Möglichkeit allein sorgt noch nicht für ausreichend Nachfrage.
Potenzielle Nutzer:innen verteilen sich in ländlichen Räumen über größere Entfernungen. Der nächste Coworking-Space bedeutet dann womöglich wieder einen zusätzlichen Arbeitsweg. Dazu kommen unterschiedliche Anforderungen an Öffnungszeiten, Ausstattung und Erreichbarkeit.
Auch die Arbeitskultur der Unternehmen spielt eine Rolle. Wer befürchtet, außerhalb des Büros beruflich weniger wahrgenommen zu werden, wird wohnortnahes Arbeiten möglicherweise selten nutzen.
Für die Entwicklung heißt das: Die tatsächliche Nachfrage und ihre Hürden müssen früh geprüft werden. Ein städtisches Geschäftsmodell lässt sich nicht einfach verkleinern und auf das Land übertragen.
2. Die passende Mischung beginnt bei den Bedürfnissen vor Ort
Als Tobias Kremkau 2018 das BLOK O in Frankfurt (Oder) eröffnete, ging es zunächst um Arbeitsplätze und Besprechungsräume. Dann suchte eine Initiative einen Standort für ihren kostenlosen Lastenradverleih. Weitere Initiativen nutzten den Coworking-Space als Treffpunkt oder Bühne. Sie erweiterten seine Bedeutung und halfen, ihn bekannt zu machen.
Das Beispiel zeigt, wie Menschen neue Möglichkeiten in einem Ort entdecken. Ein MehrWertOrt greift solche Bedürfnisse auf und verbindet passende Angebote miteinander.
Welche Mischung funktioniert, sieht überall anders aus. Arbeitsplätze können sich mit Beratung ergänzen, eine Werkstatt mit Bildungsangeboten oder ein Café mit Kulturveranstaltungen. Geteilte Infrastruktur und unterschiedliche Nutzungszeiten können den Betrieb erleichtern. Gleichzeitig verursacht jedes zusätzliche Angebot Arbeit und Kosten; manche Nutzungen geraten miteinander in Konflikt.
Dabei verändert sich nicht nur das Angebot. Wenn Menschen neue Nutzungen gemeinsam entwickeln, Aufgaben übernehmen und unterschiedliche Bedürfnisse aushandeln, können auch die Beziehungen wachsen, die den Ort tragen. Eine gefestigte Gemeinschaft muss deshalb nicht schon am Anfang vorhanden sein.
Für die Entwicklung heißt das: Mit den Menschen sprechen, bestehende Angebote einbeziehen und neue Nutzungen erproben. Entscheidend ist, welche Kombination gebraucht wird und im Alltag leistbar bleibt.
3. Gastgeber:innenschaft ist eine zentrale Arbeitsleistung
Jemand begrüßt einen neuen Gast, stellt zwei Menschen einander vor oder hilft einer Initiative, die passenden Mitstreitenden zu finden. Solche Tätigkeiten schaffen Vertrauen und Gelegenheiten zur Zusammenarbeit.
Wir nennen diese Arbeit Gastgeber:innenschaft. Während Hausgeber:innen ein Gebäude zur Nutzung überlassen, gestalten Gastgeber:innen das Miteinander: Sie erleichtern Begegnung, Zusammenarbeit; sie hören zu, pflegen Kontakte, organisieren Abläufe und begleiten Konflikte. Das garantiert zwar noch keine Gemeinschaft, aber kann sie durchaus begünstigen. Eine Verantwortung für ein gelingendes Miteinander haben letztlich alle Beteiligten.
Ein großer Teil dieser Arbeit bleibt jedoch im Hintergrund. Gerade deshalb besteht die Gefahr, den Aufwand zu unterschätzen oder dauerhaft als zusätzliche ehrenamtliche Aufgabe einzuplanen.
Für den Betrieb heißt das: Gastgeber:innenschaft braucht klar benannte Aufgaben, ausreichend Zeit und eine verlässliche Finanzierung. Sie gehört von Anfang an in die Personal- und Kostenplanung.
4. Ein tragfähiger Ort braucht geteilte Verantwortung
Viele Orte entstehen durch die Initiative einzelner Menschen. Sie begeistern andere, knüpfen Kontakte und halten in der Aufbauphase vieles zusammen. Langfristig wird diese Abhängigkeit jedoch zum Risiko: Was passiert, wenn die zentrale Person krank wird, aussteigt oder schlicht Urlaub braucht?
Ein belastbarer Betrieb verteilt Aufgaben auf mehrere Schultern. Dazu gehören Vertretungen, dokumentiertes Wissen und nachvollziehbare Entscheidungswege.
Auch Eigentum und wirtschaftliche Verantwortung müssen geklärt sein. Wem gehört das Gebäude? Wer betreibt den Ort? Wer entscheidet über Preise und Angebote? Und wer trägt mögliche Verluste? Eine kommunale, private oder genossenschaftliche Trägerschaft schafft unterschiedliche Voraussetzungen, beantwortet diese Fragen aber noch nicht vollständig.
Für die Organisation heißt das: Die Energie der Gründungsphase muss in verlässliche Strukturen übergehen, die auch personelle Veränderungen aushalten.
5. Der Wert eines Ortes reicht über seine Buchungen hinaus
Buchungen, Auslastung und Veranstaltungsteilnahmen zeigen, wie ein Ort genutzt wird. Seine Bedeutung für die Umgebung erfassen sie nur teilweise.
Vielleicht findet jemand nach einem Zuzug schneller Anschluss. Ein Verein gewinnt neue Mitglieder. Zwei Menschen beginnen ein gemeinsames Projekt. Solche Entwicklungen können auch Menschen zugutekommen, die selbst nie einen Arbeitsplatz buchen.
Wo Menschen regelmäßig zusammenkommen, Regeln aushandeln und Einfluss auf ihr Umfeld erleben, kann zudem demokratische Teilhabe wachsen. Das geschieht nicht automatisch, sondern hängt davon ab, wie Begegnung und Mitgestaltung tatsächlich organisiert werden.
Für das Feedback heißt das: Neben wirtschaftlichen Kennzahlen braucht es konkrete Beispiele und Rückmeldungen aus der Umgebung. Sie machen Veränderungen sichtbar, ohne jede positive Entwicklung vorschnell allein dem Ort zuzuschreiben.
6. Gesellschaftlicher Nutzen braucht eine verlässliche Finanzierung
Von einem MehrWertOrt können viele profitieren: Nutzer:innen sparen Wege, Initiativen erhalten Infrastruktur und die Umgebung gewinnt einen Treffpunkt. Daraus entstehen jedoch nicht automatisch Einnahmen für das Betreibendenteam.
Eine tragfähige Finanzierung kann verschiedene Beiträge verbinden. Arbeitsplätze, Räume und weitere nachgefragte Angebote bringen eigene Erlöse. Mitgliedschaften oder Ankermieter:innen können die Planung erleichtern. Kommunen und andere öffentliche Akteure können konkrete Leistungen beauftragen, etwa Beratung oder den Betrieb einer lokalen Anlaufstelle.
Fördermittel können den Aufbau und die Erprobung ermöglichen. Für den laufenden Betrieb braucht es eine Perspektive, die möglichst nicht jedes Jahr von einer neuen Projektzusage abhängt. Dabei müssen auch Gastgeberschaft, Organisation und Instandhaltung berücksichtigt werden.
Für die Finanzierung heißt das: Klar unterscheiden, welche Angebote sich am Markt tragen, welche Leistungen öffentlich beauftragt werden und was Menschen freiwillig beitragen. Die Mischung muss zu den tatsächlichen Kosten passen.
7. Offenheit muss im Alltag erfahrbar sein
Eine offene Tür bedeutet noch nicht, dass sich alle eingeladen fühlen. Preise, Sprache, Öffnungszeiten und Erreichbarkeit beeinflussen, wer einen Ort nutzen kann. Manchmal wissen Menschen auch schlicht nicht, ob das Angebot für sie gedacht ist.
Deshalb lohnt sich der Blick auf diejenigen, die bislang fehlen. Welche Bedürfnisse haben sie? Was erschwert ihren Zugang? Kontakte zu Vereinen, Schulen und Betrieben können helfen, über den bereits gut vernetzten Kreis hinauszukommen.
Zur Offenheit gehört außerdem die Frage nach dem Einfluss: Können Nutzer:innen eigene Ideen einbringen? Dürfen sie über Angebote und Regeln mitentscheiden? Und ist verständlich, wie solche Entscheidungen zustande kommen?
Für die Zusammenarbeit heißt das: Menschen aktiv ansprechen, Hürden abbauen und konkrete Möglichkeiten zur Mitgestaltung schaffen.
Viele Bürgerhäuser, Kulturzentren und andere Gemeinschaftsorte leben solche Prinzipien bereits. Sie brauchen dafür kein neues Etikett. Wer einen bestehenden Ort weiterentwickeln oder einen neuen aufbauen möchte, kann mit zwei Fragen beginnen:
Was fehlt den Menschen hier – und wer möchte dauerhaft Verantwortung dafür übernehmen?
Du möchtest diese Fragen weiterdenken? In unserem Newsletter Bigger Picture betrachtet Tobias Kremkau Entwicklungen rund um Coworking, MehrWertOrte und ländliche Räume aus einer größeren Perspektive.
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Transparenzhinweis: Die Illustrationen in diesem Blogbeitrag wurden mithilfe generativer KI erstellt. Auswahl, Bearbeitung und redaktionelle Verantwortung liegen bei der CoWorkLand eG.
